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Charlottenburg-Wilmersdorf Lost Places: 12 vergessene Orte im Bezirk

Eine erzählerische Reise zu den verschwundenen, stillgelegten und überwucherten Orten in Charlottenburg-Wilmersdorf.

Von Katrin Thalheim | 14. Juni 2026
Charlottenburg-Wilmersdorf Lost Places: 12 vergessene Orte im Bezirk © RealPixelStreet / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)
Die verfallenen Radome der ehemaligen Abhörstation auf dem Teufelsberg.

Charlottenburg-Wilmersdorf war über Jahrzehnte zugleich Schaufenster und Maschinenraum des Berliner Westens. Hier lagen die Reichssportstätten und die Avus, die Messe und der Funkturm, dazu ausgedehnte Bahnanlagen entlang der Ringbahn, Industrie an der Spree und in Wilmersdorf, und am westlichen Rand der Grunewald mit seinen Trümmerbergen. Diese Dichte an Funktionen hat eine Dichte an Resten hinterlassen, an stillgelegten Bahnsteigen, abgerissenen Steilkurven, leerstehenden Hallen und überschütteten Ruinen.

Viele dieser Orte sind heute überwachsen, denkmalgeschützt oder umgenutzt, manche verschwunden und nur noch im Gelände ablesbar. Wir gehen ihnen nach als Spuren einer wechselvollen Geschichte, ohne zum Betreten gesperrter Areale aufzurufen. Wo Zäune, Sicherungen oder Hausrecht den Zugang regeln, gilt das auch hier.

Wichtiger Hinweis: Viele der genannten Orte sind Privatgelände, militärische Liegenschaften, Bahnbetriebsflächen oder gesicherte Industriegrundstücke. Das Betreten ist verboten und gefährlich. Dieser Text ist ein historischer Rundgang aus sicherer Entfernung, keine Anleitung zum Urban Exploring.

Was dich erwartet

1. Abhörstation Teufelsberg

Die verfallenen Radome der ehemaligen Abhörstation auf dem Teufelsberg.
Die verfallenen Radome der ehemaligen Abhörstation auf dem Teufelsberg. Foto: RealPixelStreet / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)
  • Lage: Teufelsberg, nördlicher Grunewald
  • In Betrieb: 1963 bis 1992 als Field Station Berlin
  • Heute: Verfallene Radome, legal mit Führung zugänglich
  • Status: Privat gesichert, Graffiti-Galerie

Auf dem höchsten Trümmerberg West-Berlins errichteten die US-Streitkräfte ab den 1950er Jahren die Field Station Berlin, eine Abhöranlage zum Mithören des Funkverkehrs jenseits der Mauer. Nach dem Abzug der Militärs und einer kurzen zivilen Nutzung zur Flugsicherung steht die Anlage seit den 1990er Jahren leer.1

Die markanten weißen Radome auf ihren Türmen sind längst zerschlissen, ihre Hüllen flattern im Wind. Heute ist der Berg ein privat gesicherter Ort mit einer großen Graffiti-Galerie, der über geführte Touren legal betreten werden kann.

2. Wehrtechnische Fakultät unter dem Teufelsberg

Lage von Wehrtechnische Fakultät unter dem Teufelsberg im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf (Kartenausschnitt).
Lage von Wehrtechnische Fakultät unter dem Teufelsberg im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf (Kartenausschnitt). Kartendaten © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL)
  • Erbaut: ab 1937 als NS-Rohbau
  • Architekt: nach Planungen aus dem Umfeld Albert Speers
  • Heute: Unter Trümmerschutt begraben
  • Zugang: Nicht zugänglich

Unter dem Teufelsberg verbirgt sich der Rohbau der Wehrtechnischen Fakultät, ein wuchtiger NS-Bau, der ab 1937 als Teil der geplanten Hochschulstadt für die Reichshauptstadt Germania entstand. Bis Kriegsende kam nur der Rohbau zustande, dann blieb das Monstrum unvollendet stehen.2

Statt es aufwendig zu sprengen, kippte der Senat von 1950 an millionenfach Kubikmeter Kriegstrümmer darüber und schuf so den Teufelsberg. Der Bau liegt bis heute weitgehend begraben, nur einzelne Hohlräume und Tunnel zeugen noch von ihm.

3. Reemtsma-Zigarettenfabrik in Wilmersdorf

Lage von Reemtsma-Zigarettenfabrik in Wilmersdorf im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf (Kartenausschnitt).
Lage von Reemtsma-Zigarettenfabrik in Wilmersdorf im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf (Kartenausschnitt). Kartendaten © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL)
  • Erbaut: 1958 bis 1959
  • Stillgelegt: 2012, Produktion verlagert
  • Abgerissen: Hallen für Quartiersneubau abgetragen
  • Heute: Areal in Entwicklung

An der Mecklenburgischen Straße entstand 1958/59 die einzige große Industrieanlage Wilmersdorfs, eine Zigarettenfabrik von Reemtsma. Auf dem Areal liefen über Jahrzehnte Milliarden Zigaretten vom Band, bis der Konzern das Werk 2012 schloss und die Produktion ins Ausland und nach Niedersachsen verlagerte.3

Eine Zeit lang stand die markante Fabrik leer und diente Flohmärkten und Zwischennutzern. Inzwischen sind die Hallen für ein neues Stadtquartier weitgehend abgerissen, das alte Industriebild ist damit fast verschwunden.

4. Rangier- und Güterbahnhof Grunewald

Backsteinbauten des ehemaligen Güterbahnhofs Grunewald an der Cordesstraße.
Backsteinbauten des ehemaligen Güterbahnhofs Grunewald an der Cordesstraße. Foto: Fridolin freudenfett / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)
  • In Betrieb: ab 1880 entlang der Ringbahn
  • Status: Seit den 1990ern kaum genutzt
  • Schutz: Teile als Ensemble denkmalgeschützt
  • Heute: Backsteinbauten teils ruinös

Zwischen Grunewald und Halensee wuchs ab 1880 ein ausgedehnter Rangier- und Güterbahnhof mit Lokschuppen, Werkstätten, Kohlenlagern und Verwaltungsbauten. Seit den 1990er Jahren wird das Gelände kaum noch bahnbetrieblich genutzt.4

Geblieben sind teils reizvolle, teils verfallene Backsteinbauten, von denen Teile als Ensemble unter Denkmalschutz stehen. Über das brachliegende Areal an der Cordesstraße wird seit Jahren eine neue Bebauung verhandelt.

5. Mahnmal Gleis 17 am Bahnhof Grunewald

Das überwachsene Gleisbett am Mahnmal Gleis 17 in Grunewald.
Das überwachsene Gleisbett am Mahnmal Gleis 17 in Grunewald. Foto: Andreas Praefcke / Wikimedia Commons (CC BY 3.0)
  • Geschichte: Deportationen 1941 bis 1945
  • Eingeweiht: Mahnmal 1998
  • Heute: Überwachsenes Gleis, frei zugänglich
  • Highlight: 186 Stahlplatten am Bahnsteig

Vom Güterbahnhof Grunewald aus deportierte die Reichsbahn ab 1941 zehntausende Berliner Juden in die Ghettos und Vernichtungslager im Osten. Das 1998 eingeweihte Mahnmal Gleis 17 erinnert mit 186 Stahlplatten an jeden einzelnen Deportationszug, mit Datum, Ziel und Zahl der Verschleppten.5

Die Natur hat das alte Gleisbett über die Jahre zurückerobert, Birken und Gräser wachsen zwischen den Schienen. Dieser Bewuchs ist bewusst Teil des Mahnmals, als Zeichen, dass hier nie wieder ein Zug fahren soll.

6. Abgerissene Avus-Nordkurve

Hans Stuck in der berüchtigten Steilkurve der Avus-Nordkurve in den 1930er Jahren.
Hans Stuck in der berüchtigten Steilkurve der Avus-Nordkurve in den 1930er Jahren. Foto: Willy Pragher / Wikimedia Commons (CC BY 4.0)
  • Erbaut: Steilkurve 1936 bis 1937
  • Neigung: rund 44 Grad
  • Abgerissen: 1967 für den Funkturm-Knoten
  • Heute: Im Verkehrsknoten aufgegangen

Die Avus war ab 1921 Renn- und Versuchsstrecke, ihre 1937 fertiggestellte Nordkurve mit etwa 44 Grad Neigung war europaweit berüchtigt. In den schnellsten Rennen erreichten die Fahrzeuge hier Durchschnitte von über 270 Stundenkilometern.6

1967 wurde die gefährliche Steilkurve abgerissen, um Platz für den Ausbau des Verkehrsknotens unter dem Funkturm zu schaffen. Heute ist von ihr nichts mehr zu sehen, sie lebt nur in historischen Aufnahmen und Geländeresten fort.

7. Alte Avus-Haupttribüne am Messedamm

Die denkmalgeschützte alte Avus-Haupttribüne am Messedamm.
Die denkmalgeschützte alte Avus-Haupttribüne am Messedamm. Foto: Z thomas / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)
  • Erbaut: Tribüne und Verwaltungsbau 1935 bis 1937
  • Schutz: Beide denkmalgeschützt
  • Status: Lange ungenutzt und verfallen
  • Heute: Saniert als Eventlocation

Am Messedamm entstanden zwischen 1935 und 1937 eine rund 200 Meter lange Haupttribüne und ein markantes Verwaltungsgebäude der Avus, beide stehen heute unter Denkmalschutz. Nach dem Ende des Rennbetriebs verloren die Bauten ihre Funktion und verfielen über Jahre zusehends.7

Lange galt die Tribüne als prominenter Schandfleck direkt neben Messe und Funkturm. Inzwischen ist das Ensemble saniert und wird als Eventlocation genutzt, der morbide Charme der Brachezeit ist damit Geschichte.

8. Langemarckhalle am Glockenturm

Der Glockenturm am Olympiagelände, unter dem die Langemarckhalle liegt.
Der Glockenturm am Olympiagelände, unter dem die Langemarckhalle liegt. Foto: A.Savin / Wikimedia Commons (FAL)
  • Erbaut: 1936 als Teil des Reichssportfelds
  • Lage: Unter dem Glockenturm, Westend
  • Status: NS-Weihestätte, heute Ausstellung
  • Zugang: Über den Glockenturm zugänglich

Unter dem Glockenturm am Rand des Olympiageländes liegt die Langemarckhalle, eine 1936 errichtete NS-Weihestätte, die den Mythos der Schlacht von Langemarck verklärte. Nach dem Krieg verlor der Ort seine ideologische Funktion und geriet weitgehend in Vergessenheit.8

Die schwere Halle aus Naturstein blieb erhalten und beherbergt heute eine Dauerausstellung, die ihre Entstehung kritisch einordnet. Über den wieder aufgebauten Glockenturm ist sie zugänglich, ein steinernes Zeugnis der NS-Inszenierung am Reichssportfeld.

9. Stillgelegter Bahnsteig am Bahnhof Witzleben

Der S-Bahnhof Witzleben 1985, heute Messe Nord/ZOB, mit seinen Bahnanlagen.
Der S-Bahnhof Witzleben 1985, heute Messe Nord/ZOB, mit seinen Bahnanlagen. Foto: Lothar Weber / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)
  • Eröffnet: 1928 als Bahnhof Ausstellung
  • Stillgelegt: zweiter Bahnsteig seit 1944
  • Heute: Abgesperrt neben dem Ringbahnsteig
  • Status: Bahnhof heute Messe Nord/ZOB

Der 1928 als Bahnhof Ausstellung eröffnete Umsteigebahnhof Witzleben verband Ring- und Stadtbahn. Bis 1944 hielten hier auch Züge, die von der Stadtbahn abzweigten und bis Westend fuhren, dann wurde dieser Ast aufgegeben.9

Neben dem heute als Messe Nord/ZOB betriebenen Bahnsteig liegt noch immer der zweite, längst stillgelegte Bahnsteig, abgesperrt und mit Warnschildern versehen. Er ist ein stiller Rest des alten Schnellbahnnetzes mitten im Messegelände.

10. Verfallenes Olympia-Schwimmstadion

Die in die Jahre gekommene Außenfront des Olympia-Schwimmstadions von 1936.
Die in die Jahre gekommene Außenfront des Olympia-Schwimmstadions von 1936. Foto: Roland.h.bueb / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)
  • Erbaut: 1936 für die Olympischen Spiele
  • Lage: Nördlich des Olympiastadions
  • Status: Teile gesperrt und überplant
  • Heute: Sanierung nicht in Sicht

Nördlich des Olympiastadions liegt das 1936 für die Spiele errichtete Schwimmstadion, in dem die Wettbewerbe im Schwimmen und Springen ausgetragen wurden. Teile der historischen Anlage sind heute marode, abgedeckt und für die Öffentlichkeit gesperrt.10

Während das benachbarte Sommerbad weiter betrieben wird, verfällt der denkmalgeschützte Kern der Sportstätte unter Planen. Eine umfassende Sanierung ist seit Jahren angekündigt, aber bislang nicht in Sicht.

11. Maifeld am Glockenturm

Das weite Maifeld mit dem Glockenturm im Olympiapark.
Das weite Maifeld mit dem Glockenturm im Olympiapark. Foto: Gunnar Klack / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)
  • Erbaut: 1936 als Aufmarschfläche
  • Lage: Westlich des Olympiastadions
  • Nutzung: Britische Garnison bis 1994
  • Heute: Weite Rasenfläche, frei zugänglich

Das Maifeld wurde 1936 als gewaltige Aufmarschfläche des Reichssportfelds angelegt, gefasst von Tribünen und überragt vom Glockenturm. Von 1945 bis 1994 nutzte die britische Garnison das Areal für Paraden und sportliche Veranstaltungen.11

Heute ist das Maifeld eine weite, fast leere Rasenfläche, deren monumentale Dimensionen die NS-Inszenierung noch ahnen lassen. Es ist frei zugänglich und wirkt abseits großer Veranstaltungen eigentümlich verlassen.

12. Alter Bahnhof Eichkamp

Der denkmalgeschützte S-Bahnhof Eichkamp, heute Messe Süd, am Rand des Grunewalds.
Der denkmalgeschützte S-Bahnhof Eichkamp, heute Messe Süd, am Rand des Grunewalds. Foto: Ralf Roletschek / Wikimedia Commons (FAL)
  • Erbaut: 1927 bis 1928 von Richard Brademann
  • Stillgelegt: beim S-Bahn-Streik 1980
  • Status: Denkmalgeschützt
  • Heute: Als Messe Süd wieder in Betrieb

Der 1927/28 von Richard Brademann errichtete Bahnhof Eichkamp gehört zu den charakteristischen S-Bahn-Bauten der Zwischenkriegszeit. Beim S-Bahn-Streik 1980 wurde er stillgelegt und stand danach lange verwaist und dem Verfall überlassen.12

Erst 1998 wurde der denkmalgeschützte Bau saniert und wieder in Betrieb genommen, seit 2002 als Messe Süd. Die langen Jahre als verschlossener Geisterbahnhof am Rand des Grunewalds prägen seine Geschichte bis heute.

Ausblick: Was bleibt, was verschwindet

Viele dieser Orte in Charlottenburg-Wilmersdorf sind im Wandel. Einige werden saniert und umgenutzt, andere überbaut, wieder andere holt sich die Natur zurück. Der Reiz des Verfalls ist meist nur eine Phase, bevor ein Ort entweder verschwindet oder ein zweites Leben beginnt.

Wer diese Spuren lesen will, hat dafür oft nur ein begrenztes Zeitfenster. Was bleibt, sind die Schichten der Geschichte unter den neuen Quartieren, eingelagert in Straßennamen, Bahndämmen, Mauerresten und einzelnen Gebäuden, die man weiterhin entziffern kann.

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