Auf einer Fläche, die viele Wilmersdorfer bislang als grüne „Klimainsel“ kannten, sollen bald 282 Studentenapartments entstehen.1 Die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Berlinovo treibt das Projekt trotz jahrelanger Proteste von Anwohnern und Kleingärtnern jetzt konkret voran.
Damit prallen in Charlottenburg-Wilmersdorf zwei Bedürfnisse hart aufeinander: der Schutz knapper klimaökologischer Flächen wie der nahegelegenen Parks in Charlottenburg-Wilmersdorf und der dringende Ruf nach bezahlbarem Wohnraum für Studierende. Zwischen Prinzregentenstraße und Stadtpark Wilmersdorf wird sich das Gesicht des Kiezes spürbar verändern: baulich, ökologisch und sozial.
Vom grünen Puffer zur Studentenbude
Die geplanten 282 Einheiten richten sich überwiegend an Studierende, 262 Apartments sind ausschließlich für junge Leute an Hochschulen vorgesehen, weitere 20 für Gastwissenschaftler oder junge Führungskräfte aus Behörden. Ergänzt werden soll der Komplex um eine Kita mit rund 50 Plätzen: auch das ein Angebot, das im Bezirk seit Jahren knapp ist.
Bislang wurde die Fläche als Teil der Kleingartenkolonie „Am Stadtpark I“ und in der politischen Debatte als „Klimainsel“ geführt. Die Gärten fungierten als Frischluftschneise, kühlten im Sommer die Umgebung und boten Lebensraum für Vögel, Insekten und Stadtnatur, die in verdichteten Innenstadträumen rar geworden ist.
Räumung trotz Protest: Wut im Kiez
Schon 2023 mussten 13 Parzellen an der Prinzregentenstraße geräumt werden, um Platz für das Projekt zu schaffen. Viele der betroffenen Pächter bewirtschafteten ihre Gärten seit Jahrzehnten, für manche war die Parzelle ihr persönliches Naherholungsgebiet: fußläufig von der Wohnung, mitten in der Stadt.
„Wir verlieren hier nicht nur ein paar Beete, wir verlieren einen Kühlraum für den ganzen Kiez“, klagt eine Anwohnerin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will. In Bürgerinitiativen und auf Infoveranstaltungen wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass gerade versiegelungsarme Flächen mit hohem Baumbestand im dicht bebauten Charlottenburg-Wilmersdorf eine Schlüsselfunktion für das Stadtklima haben.
Berlinovo setzt auf kompaktes Wohnen
Berlinovo verweist auf andere fertiggestellte Projekte, um zu zeigen, wie Studierendenhäuser aussehen können: kompakte 1- bis 2-Zimmer-Apartments zwischen etwa 16 und 20 Quadratmetern, voll möbliert mit Bett, Schreibtisch, Einbauküche und eigenem Bad.23 In neueren Bauten gehören Gemeinschaftsräume, Lern-Lounges, Dachterrassen, Fahrradgaragen und teilweise sogar Werkstätten für die Radreparatur zum Standard.4
„Wir schaffen bezahlbaren und funktionalen Wohnraum mit kurzen Wegen zu den Hochschulen“, heißt es aus Unternehmenskreisen. Nach diesem Muster dürfte auch in Wilmersdorf gebaut werden: kleine, eigenständige Einheiten, die vor allem Erstsemestern und internationalen Studierenden den Einstieg in den Berliner Wohnungsmarkt erleichtern sollen.
Was die Nachbarn erwartet
Für die direkten Anwohner bedeutet das Projekt zunächst einmal: jahrelange Baustelle vor der Tür, mehr Lkw-Verkehr und Baulärm und danach eine deutlich höhere bauliche Dichte rund um die Prinzregentenstraße. Statt weiten Blicken über Parzellen und Baumkronen werden viele künftig auf mehrgeschossige Neubauten schauen, die Grünflächen werden stärker gestaltet und weniger „wild“ sein als die bisherigen Gärten.
Gleichzeitig bringt eine so große Zahl neuer Bewohner auch mehr Leben in den Kiez: mehr Kundschaft für Spätis, Cafés und Bäckereien, mehr Fahrräder auf den Radwegen, mehr Menschen in den ÖPNV-Haltestellen an Stadtpark und Hohenzollerndamm. „Es wird lauter, aber vielleicht auch ein bisschen jünger hier“, kommentiert ein älterer Anwohner trocken beim Spaziergang am Stadtpark.
Wohnungsnot versus Stadtklima: der große Zielkonflikt
Dass die Wohnungen ausgerechnet für Studierende entstehen, ist kein Zufall: Berlinovo hat sich in den vergangenen Jahren auf diesen Bereich spezialisiert und betreibt bereits mehrere ähnliche Häuser in Lichtenberg, Pankow, Treptow-Köpenick und Reinickendorf. Der Bedarf ist enorm, viele Studierende pendeln bislang weite Strecken oder finden nur überteuerte Zwischenmieten auf dem privaten Markt.
Auf der anderen Seite verweisen Umweltverbände und Kiezinitiativen darauf, dass Klimaanpassung nicht verhandelbar sei: Hitzesommer, Starkregen und lange Trockenphasen treffen auch Charlottenburg-Wilmersdorf jedes Jahr spürbarer. „Wenn wir jede Klimainsel nach und nach bebauen, zahlen wir den Preis irgendwann mit aufgeheizten Wohnungen und überfluteten Straßen“, warnt ein Aktivist einer lokalen Initiative.
Die Bezirks- und Landespolitik bewegt sich damit in einer klassischen Berliner Zwickmühle: baut man nicht, eskaliert die Wohnungsnot, baut man doch, gehen wertvolle Freiflächen und Biotope verloren. Die Entscheidung zugunsten der Studentenapartments ist also nicht nur ein lokales, sondern auch ein symbolisches Signal, wie die Stadt künftig Prioritäten setzt.
Wie geht es weiter und was können Anwohner tun?
Berlinovo hat den Bauantrag eingereicht und die Pläne bereits im Stadtentwicklungsausschuss der Bezirksverordnetenversammlung Charlottenburg-Wilmersdorf vorgestellt. In den nächsten Monaten werden Detailfragen zu Höhe, Dichte, Grünanteil und Verkehrsanbindung verhandelt: hier entscheidet sich, wie massiv der Eingriff ins Mikroklima und das Stadtbild tatsächlich ausfallen wird.
Für Anwohner bleibt vor allem der Weg über Beteiligungsverfahren, Einwendungen im Rahmen von Planungsverfahren und den direkten Kontakt zu den Bezirksverordneten, wenn es um Themen wie Baumschutz, Entsiegelung oder Lärmschutz geht. Gleichzeitig eröffnet das Projekt die Chance, frühzeitig mit Berlinovo und dem Bezirk über klimaangepasste Architektur, großzügige Gemeinschaftsgrünflächen und echte Begegnungsorte zwischen „alten“ und neuen Nachbarn zu sprechen.
Fest steht: Der Kiez rund um den Stadtpark Wilmersdorf wird sich verändern: weniger Laubenpieper, mehr Laptop und Lernlounge. Ob daraus ein gelungenes Miteinander von Stadtnatur und Studierenden-Campus wird oder ein weiterer Konfliktherd im ohnehin angespannten Wohnungs- und Klimadiskurs, entscheidet sich nicht nur auf den Bauzeichnungen, sondern auch an den Haustüren der Nachbarn.